Patrick Pritscha, Sprecher für Stadtentwicklung der Fraktion DIE LINKE im Chemnitzer Stadtrat, Mitarbeiter von Michael Leutert
Alles begann wie ein Märchen aus dem neuen Wirtschaftswunderland Ost. Der VW-Konzern errichtet am Standort Stollberg im Jahr 2003 die Volkswagen Mechatronic GmbH als Zulieferer für die Chemnitzer Motorenfertigung. Gefördert mit staatlichen Subventionen in Höhe von 85 Millionen Euro sollten hier hauptsächlich Dieselmotorenkomponenten nach dem Pumpe-Düse-System gebaut werden. Insgesamt sollten bis 2007 rund 270 Millionen Euro in den Standtort investiert werden. Die Chemnitzer CVAG eröffnete eine Straßenbahnlinie bis Stollberg und Volkswagen wurde als Entwicklungsmotor der Region gefeiert. Dann folgte die erste Ernüchterung. Der VW-Konzern stoppte den Ausbau des Werkes. Der Grund war die Umstellung der neuen Dieselmotorengeneration auf Common Rail-Technik. Damit war das neue Pumpe-Düse-Werk überflüssig geworden, da Siemens VDO am Standtort Limbach bereits Com-mon Rail-Systeme produziert. Daraufhin zog sich VW aus Stollberg zurück und übergab das Werk an Siemens VDO. Doch die Zeit bleibt bekanntlich nicht stehen. Inzwischen hat sich der Siemens-Konzern von seiner Sparte VDO ge-trennt und diese für 11,4 Milliarden Euro komplett an den Continental-Konzern verkauft. Damit beginnt der zweite Teil im Trauerspiels Stollberg. Nach Auskunft des VDO-Gesamtbetriebsratschef Hans Fischl, wird es unter dem neuen Eigentümer zu den „üblichen“ Rationalisierungsmaßnahmen kommen und in Folge dessen sei unter anderem mit einer Schließung des Standortes Stollberg zu rechnen. Auch wie es in Limbach weitergeht ist vorerst unklar. Insgesamt stehen, laut IG-Metall, rund 7000 Arbeitsplätze bei VDO zu Disposition. Welche Folgen diese Entscheidungen für die Chemnitzer Industrieregion haben werden ist abzusehen. Neben den Arbeitsplatzverlusten an den Standorten selbst, wird es auch Folgen für die Zulieferer und Dienstleister haben, welche von den genannten Werken abhängig sind.
Doch was hier wie eine große Verschwörung zum Nachteil dieser Region daherkommt ist normaler Bestandteil des kapitalistischen Systems. Es zeigt außerdem, wie fragil die Instrumente der Wirtschafts- und Standortpolitik sind. Weder Fördermittel noch öffentliche Infrastrukturmaßnahmen, wie die neue Straßenbahnlinie, sind ein zuverlässiger Garant für nachhaltige Standortentwicklung. Die wesentlichen Entscheidungen werden vom kapitalistischen Weltmarkt getroffen und jede Unternehmenspolitik hat sich an diesen Gegebenheiten zu orientieren, da ist eine Stadt wie Chemnitz eben doch nur ein kleines Licht.
Der Auslöser in diesem Fall war nichts weiter als die Entscheidung eines Automobilherstellers, eine andere Motorentechnologie einzusetzen. Ich glaube kaum, das sich im Jahre 2005, wo diese Entscheidung getroffen wurde, jemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat, welche Folgen dieser Technologiewechsel für die Region haben kann. Bemerkenswert dürfte auch die Geschwindigkeit sein, mit der die Entwicklung voranschreitet. Nicht einmal fünf Jahre nach dem Eröffnen eines neuen Hochtechnologiewerkes, wie dem in Stollberg, kann es bereits von der Zeit und ihren Erfordernissen überholt sein. Millionen von öffentlichen Geldern sind in den Sand gesetzt und zurück bleibt die Frage, was kommt noch?
Doch wer hier voreilig von einem Versagen der Politik sprechen möchte, der sollte an Karl Marx und sein Werk „Das Kapital“ erinnert werden. Das moderne warenproduzierende System (Kapitalismus) hat nur einen Inhalt: das Verwerten von Wert, sprich das Produzieren von „Profit“. Diesem „automatischen Subjekt“ (Marx) ist alles unterworfen und alles Sinnliche, die Menschen und ihre Bedürfnisse sowie das ökologische System der Erde und die Natur bleiben dem System der Wertverwertung äußerlich, und sind ihm prinzipiell gleichgültig. Der Kapitalismus ist die indirekte Herrschaft eines abstrakten Verhältnisses über die Menschen, gleichwohl die Menschen dieses Verhältnis täglich aufs Neue selbst aktiv reproduzieren. Die warengesellschaftlich-patriarchalen Verhältnisse und Formierungen/Zurichtungen zu überwin-den und eine neue Gesellschaft, einen „Verein freier Menschen“ (Marx), anzustreben, ist wohl doch die einzige Alternative, den Zumutungen dieses Systems zu entgehen und den Menschen in den Mittelpunkt all unseres Handelns und Strebens zu stellen.