13.04.2018

Enthüllung der Gedenktafel in Erinnerung an die Zwangsarbeiterinnen der Astra-Werke

Michael Leutert
Gedenktafel Astra-Werke


Endlich ist es soweit: die erste Gedenktafel, die an Zwangsarbeit in Chemnitz während des Nationalsozialismus erinnert, wurde heute feierlich enthüllt. Am Gebäude der ehemaligen Astra-Werke, heute eine Dienststelle der Landesdirektion Sachsen, ist sie im Eingangsbereich angebracht. Zu verdanken ist das der „Bürgerschaftlichen Initiative Historischer Atlas Sachsen 1933-1945“, die in mühevoller Kleinarbeit seit vielen Jahren die Fragmente, Spuren und Überreste des NS in Sachsen zusammenträgt.
Zum Festakt waren hohe Gäste geladen, darunter Vertreter der weißrussischen Botschaft und des italienischen Honorarkonsulats - aus diesen Staaten stammten viele der 510 Frauen, die als KZ-Häftlinge in den Astra-Werken Zwangsarbeit leisten mussten. Auch der Sächsische Landtag erwies in Person von Frau Vizelandtagspräsidentin Andrea Domois seinen Respekt. Darüber hinaus fanden sich viele interessierte Bürger*innen ein, das Foyer der Landesdirektion war voll. Darunter eine Schulklasse, die Geschichtslehrerin verlegte kurzerhand den Unterricht hierher.
Dennoch, der weitaus beeindruckendste Beitrag stammt von der Bürgerinitiative selbst, vertreten durch ihren wissenschaftlichen Leiter Dr. Hans Brenner.
In einer bewegenden Rede erzählte er von den Wegen des Umgangs mit Erinnerung und Gedenken. Wege, die nicht immer leicht waren. „Warum erst jetzt, nach 73 Jahren?“ fragte Dr. Brenner, auch in Richtung der Vertreter*innen des Freistaates und der Landesdirektion. So gab es bereits 2005 das Anliegen, auf dem Gelände der ehemaligen Astra-Werke einen Gedenkort einzurichten. Vor nunmehr 13 Jahren fand die Bitte kein Ohr. Umso mehr dankte er heute für die Unterstützung bei der Anbringung der Gedenktafel. Dr. Brenner richtete den Blick noch weiter zurück und offenbarte, dass der schwerfällige Umgang mit der Vergangenheit nicht allein ein Problem von heute oder allein Westdeutschlands gewesen sei: „Wir sollten nicht so überheblich sein, es sei nur in Westdeutschland verdrängt worden - auch in der SBZ und DDR wurde verschwiegen und verdrängt!“ Damit meinte er, dass man sich allzu leichtfertig auf die Seite der Sieger stellte, dem Widerstand und dem Neuaufbau nach dem Krieg die historische Aufmerksamkeit schenkte und die Opfer des NS vernachlässigte. Eine eindrückliche Parallele, denke ich etwa an die großen Schwierigkeiten zurück, sowjetischen Kriegsgefangenen eine Entschädigung zukommen zu lassen - erst 70 Jahre nach Kriegsende!
Übrigens: zu den Astra-Werken hat die Bürgerinitiative, maßgeblich Dietmar Wendler und Rainer Ritscher, eine sehr sehenswerte Ausstellung erstellt, die demnächst während der Chemnitzer Museumsnacht in den Räumen des Lern- und Gedenkortes Kassberg e.V. zu sehen sein wird. Die Ausstellung selbst ist noch nicht ganz durchfinanziert, die Initiative freut sich über jede Spende. Hier kann ich nur sagen, dass jeder Euro an Unterstützung an dieser Stelle bestens angelegt ist!
Und für alle, die es gern ausführlicher haben: die drei genannten Herren haben gemeinsam mit weiteren Autor*innen erst Anfang des Jahres ein umfangreiches Buch bei der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung veröffentlicht. Es trägt den Titel „NS-Terror und Verfolgung in Sachsen. Von den Frühen Konzentrationslagern bis zu den Todesmärschen“ und umfasst voluminöse 600 Seiten. Zur Zeit muss man sich allerdings noch gedulden. Die ersten 3.000 Exemplare sind bereits vergriffen, weitere 3.000 sind im Nachdruck. Dennoch, absolut empfehlenswert! Ich ziehe meinen Hut vor so viel Energie und Engagement!

 

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