16.11.2008

Denkmalschutz und Stadtumbau Ost - wie weiter?

den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Patrick Pritscha
Reitzenhain

Die Debatte um den Abriss alter Wohnungsbestände hat neuen Zündstoff bekommen. Mit dem vom Ostbeauftragten des Bundes, Wolfgang Tiefensee (SPD), gefordertem Richtungswechsel, welche die Förderung des Rückbaus von Altbaubeständen unterbinden soll, ist der Bund in die Offensive gegangen. Auf der kommenden dreitägigen Europäischen Denkmalmesse in Leipzig wird dieses Thema im Mittelpunkt der Diskussion stehen. Dies geschieht nicht ohne Grund. In der Tat ist die weit verbreitete Kritik am Abriss von Altbauten mit einigen Problemen behaftet. Zu diesem Thema hat sich auch schon das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) zu Wort gemeldet. Es warnt eindringlich vor einer einseitigen Kritik an Abrissmaßnahmen beim Stadtumbau Ost und fordert eine differenzierte Sichtweise auf die reelle Leerstandsproblematik in Sachsen. Denn ohne Abrissmaßnahmen droht vielen Städten und Gemeinden eine deutliche Steigerung der Wohnungsleerstandsquote - und das vor allem in den Altbaubeständen. Darüber hinaus können hohe Nebenkosten und die energetisch schwierige Sanierung der Altbauten zu einer Erblast für kommende Generationen werden. Der Direktor des Instituts, Professor Bernhard Müller sagt dazu: „ Das vehemente Eintreten für den Erhalt der Gebäudebestände von vor 1945 hilft den von Leerstand und Bevölkerungsschrumpfung betroffenen Städten und Gemeinden nicht. (…) Sachsen ist das Bundesland mit den prozentual größten Wohnungsbeständen von vor 1918. Mit einem Anteil von fast 30 Prozent ist er mehr als doppelt so hoch wie in Westdeutschland. Gleichzeitig ist der Leerstand in diesem Altbausegment mit über 26 Prozent am höchsten. Die Leerstände in den nach 1949 bis 1990 errichteten Gebäuden sind erheblich niedriger" Hinzu kommt, dass in Zukunft Energiesparmaßnahmen einen höheren Stellenwert bekommen, als es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Doch gerade die viel geschmähten Neubauten sind mit erheblich geringerem Aufwand unter diesem Gesichtspunkt zu sanieren als die Altbauten. Dies hat nicht unwesentliche Folgen für die Entwicklung der Mietpreise. Doch auch andere Gesichtspunkte müssen beachtet werden. Im Zuge der demographischen Entwicklung werden immer mehr Wohnungen benötigt, welche den Anforderungen der Senioren gerecht werden. Das bedeutet ebenerdige Hauszugänge, Fahrstuhl, breitere Türen und einiges mehr. Gerade solche Umbauten sind im Altbau mit großen Problemen und hohen Kosten verbunden. Leider müssen wir davon ausgehen, dass es eine zunehmende Altersarmut im Osten geben wird. Die kontinuierliche hohe Arbeitslosigkeit seit der Wende hat gravierende Auswirkungen auf das kommende Rentenniveau. Damit wird das Thema des bezahlbaren Wohnraums gerade für diese Bevölkerungsgruppe von großer Bedeutung sein. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Denkmalschutz. In Sachsen gibt es zur Zeit über 106 000 Denkmäler. Die Spanne reicht dabei vom einfachen Haus bis hin zum Flächendenkmal, bei dem ganze Ensemble geschützt sind. Damit ist der Freistaat das Bundesland mit den meisten Denkmälern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: die bayrische Landeshauptstadt München besitzt ca. 800 Denkmäler und die sächsische Industriestadt Chemnitz über 3000! Zwar gingen in Sachsen seit der Wende ca. 3500 Denkmäler verloren, doch mit Blick auf die Gesamtzahl der vorhanden Denkmäler in Sachsen kann von einem Kahlschlag in der historischen Bausubstanz wohl keine Rede sein, auch wenn dieser Eindruck in den öffentlichen Debatten oft vermittelt wird. Auffällig ist, dass in der ganzen Diskussion um Abriss und Denkmalschutz die Menschen und ihre Bedürfnisse kaum eine Rolle spielen. Häuser benötigen jedoch Bewohner und Nutzer, damit sie ihrem unmittelbaren Zweck gerecht werden können. Damit aber Menschen an einem Ort bleiben, braucht es mehr als sanierte Denkmäler, da spielen die Fragen der Lebensqualität und des Lebensunterhaltes eine entscheidende Rolle. Werden diese Probleme nicht gelöst, geht die Debatte um Abriss und Denkmalschutz am eigentlichen Kern vorbei. Das einzige was entstehen kann, wenn der Mensch nicht mitgedacht wird, sind sanierte Geisterstädte. Auf der Europäischen Denkmalmesse sollen jetzt erstmalig auf einer Auktion zwei Dutzend Objekte zum Verkauf angeboten werden, darunter Wohnhäuser in Reitzenhain. Für den Fall, dass sich jemand dafür interessiert, aber noch keine Zeit hatte sich einen persönlichen Eindruck von der Gegend zu machen, hier einige Bilder aus der sächsischen Grenzregion.

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