11.11.2010

Soldaten wichtiger als NS-Opfer?

Michael Leutert über einseitige Grabpflege des Auswärtigen Amtes

Karlen Vesper, Neues Deutschland

ND: Das Auswärtige Amt wird die Schatten der Vergangenheit nicht los. Nach der voluminösen wie verdienstvollen Historiker-Studie beschämt nun die »Leutert-Liste« die Behörde. Was hat Sie zu Ihren Recherchen veranlasst?
Leutert: Für das Thema Nationalsozialismus bin ich schon seit meiner Jugend sensibilisiert. In den Beratungen zum Haushalt 2010 ist mir aufgefallen, dass von den neun Millionen Euro, die für die Pflege deutscher Kriegsgräber und der Gräber von im Ausland verstorbenen NS-Verfolgten zur Verfügung stehen, lediglich 15 000 Euro für Gräber von Exilanten vorgesehen sind. Auf meine Nachfrage, warum dies so sei, wurde mir mitgeteilt, das Auswärtige Amt wisse nur von vier Grabstellen – und die liegen alle in Schweden. Da wollte ich dann doch mal nachhaken.

Sie haben deutsche Botschaften um Mithilfe ersucht. Wie war die Reaktion, wie die Kooperation?
Unterschiedlich. Leider muss ich sagen, dass die meisten Botschaften entweder schlicht nichts wussten oder mich wieder zurück an das Auswärtige Amt verwiesen haben, weil dies zuständig sei. Aber es gibt auch andere Beispiele, so die deutschen Botschaften in der Türkei und in der Schweiz. Aus der Schweiz habe ich nicht nur Informationen bekommen, sie zeigten sich auch interessiert an meinen Ergebnissen. Letztlich stammen aber die meisten Namen auf der Liste aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Die Historiker-Studie machte es publik: Ernst Freiherr von Weizsäcker, im Auswärtigen Amt Staatssekretär im Rang eines SS-Brigadeführers, hat für die Ausbürgerung von Thomas Mann plädiert. Das bescheidene Familiengrab der Manns auf dem Friedhof Kilchberg in Zürich findet sich nicht auf der Liste des Amtes über die zu betreuenden Gräber von NS-Opfern. Aber auch die weniger prominenter Personen nicht, wie Sie ermittelten.
Ja, außer Thomas Mann und Erich Maria Remarque gibt es zahlreiche weitere Grabstellen von Exilanten. Der Architekt Bruno Taut beispielsweise liegt in Istanbul begraben. Das Grab des Philosophen und Publizisten Theodor Lessing, der 1938 nach einem Attentat von Nazis starb, ist in Tschechien, das des Pazifisten und Friedensnobelpreisträgers Ludwig Quidde in der Schweiz und das von Georg Bernhard, Publizist und Gründer der Exilzeitung »Pariser Tageblatt«, in Frankreich. Und, und, und ...

Sie hoffen, dass die Proportionen im Finanzetat für Grabpflege im Ausland entsprechend revidiert werden. Wie soll das geschehen?
Ich bin mit dem Auswärtigen Amt im Gespräch. Mir wurde heute signalisiert, dass das Problem verstanden wurde. Ich diskutiere mit den zuständigen Beamten derzeit verschiedene Lösungswege. Einig sind wir uns, dass die Möglichkeit der Grabpflege kurzfristig verbessert werden soll. Außerdem habe ich angesprochen, dass sich das Außenministerium einen generellen Überblick über diese Gräber verschaffen müsste. Die Ideensammlung ist noch nicht abgeschlossen, reicht aber bis zu Überlegungen, für die Pflege von Gräbern von NS-Verfolgten eine geeignete Organisation zu finden, analog dem Verband deutscher Kriegsgräberfürsorge.

Ist Ihnen inzwischen schon mal wieder Guido Westerwelle im Bundestag über den Weg gelaufen? Und was meint der oberste Diplomat Deutschlands zur »Leutert-Liste«?
Guido Westerwelle läuft mir ab und an über den Weg. Seine Meinung dazu wäre zwar interessant, ich ziehe es aber vor, mit den zuständigen Leuten im Ministerium dafür zu sorgen, dass schnell etwas passiert.

Hier geht es zum Original-Artikel im Neuen Deutschland

Ausdrucken | Versenden

Termine
Twitter / Facebook Empfehlen Twitter Facebook
Aktuelle Schlagworte