Soldaten wichtiger als NS-Opfer?
Michael Leutert über einseitige Grabpflege des Auswärtigen Amtes
ND: Das Auswärtige Amt wird die Schatten der Vergangenheit nicht
los. Nach der voluminösen wie verdienstvollen Historiker-Studie beschämt
nun die »Leutert-Liste« die Behörde. Was hat Sie zu Ihren Recherchen
veranlasst?
Leutert: Für das Thema Nationalsozialismus bin ich schon seit meiner
Jugend sensibilisiert. In den Beratungen zum Haushalt 2010 ist mir
aufgefallen, dass von den neun Millionen Euro, die für die Pflege
deutscher Kriegsgräber und der Gräber von im Ausland verstorbenen
NS-Verfolgten zur Verfügung stehen, lediglich 15 000 Euro für Gräber von
Exilanten vorgesehen sind. Auf meine Nachfrage, warum dies so sei,
wurde mir mitgeteilt, das Auswärtige Amt wisse nur von vier Grabstellen –
und die liegen alle in Schweden. Da wollte ich dann doch mal nachhaken.
Sie haben deutsche Botschaften um Mithilfe ersucht. Wie war die
Reaktion, wie die Kooperation?
Unterschiedlich. Leider muss ich sagen, dass die meisten Botschaften
entweder schlicht nichts wussten oder mich wieder zurück an das
Auswärtige Amt verwiesen haben, weil dies zuständig sei. Aber es gibt
auch andere Beispiele, so die deutschen Botschaften in der Türkei und in
der Schweiz. Aus der Schweiz habe ich nicht nur Informationen bekommen,
sie zeigten sich auch interessiert an meinen Ergebnissen. Letztlich
stammen aber die meisten Namen auf der Liste aus öffentlich zugänglichen
Quellen.
Die Historiker-Studie machte es publik: Ernst Freiherr von
Weizsäcker, im Auswärtigen Amt Staatssekretär im Rang eines
SS-Brigadeführers, hat für die Ausbürgerung von Thomas Mann plädiert.
Das bescheidene Familiengrab der Manns auf dem Friedhof Kilchberg in
Zürich findet sich nicht auf der Liste des Amtes über die zu betreuenden
Gräber von NS-Opfern. Aber auch die weniger prominenter Personen nicht,
wie Sie ermittelten.
Ja, außer Thomas Mann und Erich Maria Remarque gibt es zahlreiche
weitere Grabstellen von Exilanten. Der Architekt Bruno Taut
beispielsweise liegt in Istanbul begraben. Das Grab des Philosophen und
Publizisten Theodor Lessing, der 1938 nach einem Attentat von Nazis
starb, ist in Tschechien, das des Pazifisten und
Friedensnobelpreisträgers Ludwig Quidde in der Schweiz und das von Georg
Bernhard, Publizist und Gründer der Exilzeitung »Pariser Tageblatt«, in
Frankreich. Und, und, und ...
Sie hoffen, dass die Proportionen im Finanzetat für Grabpflege im
Ausland entsprechend revidiert werden. Wie soll das geschehen?
Ich bin mit dem Auswärtigen Amt im Gespräch. Mir wurde heute
signalisiert, dass das Problem verstanden wurde. Ich diskutiere mit den
zuständigen Beamten derzeit verschiedene Lösungswege. Einig sind wir
uns, dass die Möglichkeit der Grabpflege kurzfristig verbessert werden
soll. Außerdem habe ich angesprochen, dass sich das Außenministerium
einen generellen Überblick über diese Gräber verschaffen müsste. Die
Ideensammlung ist noch nicht abgeschlossen, reicht aber bis zu
Überlegungen, für die Pflege von Gräbern von NS-Verfolgten eine
geeignete Organisation zu finden, analog dem Verband deutscher
Kriegsgräberfürsorge.
Ist Ihnen inzwischen schon mal wieder Guido Westerwelle im
Bundestag über den Weg gelaufen? Und was meint der oberste Diplomat
Deutschlands zur »Leutert-Liste«?
Guido Westerwelle läuft mir ab und an über den Weg. Seine Meinung dazu
wäre zwar interessant, ich ziehe es aber vor, mit den zuständigen Leuten
im Ministerium dafür zu sorgen, dass schnell etwas passiert.
