14.05.2014

Ohne Sehvermögen an der Fräse?

Bericht von einem beeindruckenden Besuch

Michael Leutert

Seit kurzem klebt ein neues Schild an meiner Bürotür im Bundestag. Auf ihm steht mein Name in Blindenschrift. Es ist ein kleines, ganz praktisches Ergebnis eines ebenso lehrreichen wie spannenden Termins: Meines Besuchs beim SFZ Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte Chemnitz.

Die Jugendlichen, die dort lernen, haben es aufgrund ihrer Behinderung schwer eine Arbeitsstelle zu finden. In dem als gemeinnützige GmbH organisierten Berufsbildungswerk können sie eine Ausbildung in zahlreichen anerkannten Berufen mit regulären Abschlüssen machen. Auch berufsvorbreitende Bildungsmaßnahmen und weitere qualifizierende Maßnahmen werden angeboten. Ziel ist es, die Jugendlichen in den regulären Arbeitsmarkt zu integrieren.
Ich hatte die Gelegenheit mich selbst davon zu überzeugen, wie gut das gelingt.

Vor meinem Besuch wär es mir wohl schwer gefallen, mir vorzustellen, wie man sehbehindert an einer Drehmaschine arbeiten, professionell kochen oder den Büroalltag bewältigen kann. All das und mehr lernen die Jugendlichen dort, und ich kann sagen, sie lernen es sehr gut. Sie haben mir ihre Ausbildungsbereiche vorgestellt und Ausbildungsplätze gezeigt. Sollte jemand das Vorurteil pflegen, es handele sich um eine Art bessere Beschäftigungstherapie, soll er bitte mal das Berufsbildungswerk besuchen. Allein wie sie in dem simulierten Büro einer Firma, in der die Auszubildenden alles lernen, was man im Büro können muss, arbeiten, ist beeindruckend. An einer Fräse hat mir ein junger Mann einen Flaschenöffner in Form eines Seepferdchen gefräst – Ich durfte immerhin den Startknopf drücken. Und in der Küche wird nicht einfach nur ausgebildet, über das Tochterunternehmen des Berufsbildungswerks ‚CoWerk’ bieten sie auch Catering an. Pro Tag werden tausende Essen zubereitet.

Obwohl ich schon mit gewissen Erwartungen in die Flemmingstraße gefahren bin, hat mich das Niveau der Berufsbildung überrascht. Bei den Jugendlichen und den Verantwortlichen vor Ort möchte ich mich für die Gelegenheit, ihre Arbeit kennenzulernen, bedanken. Das Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte Chemnitz macht eine gesellschaftlich wichtige Arbeit, die mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient. An gerade einmal vier Standorten – alle in Ostdeutschland - bietet das SFZ diese Möglichkeit für Blinde und Sehbehinderte an. Trotzdem müssen sie jedes Jahr mit der Bundesanstalt für Arbeit um Geld verhandeln. Wäre es nicht sinnvoll, ihnen eine institutionelle Förderung zukommen zu lassen? Der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Frau Lüders, hatte ich schon zuvor in Berlin vom Blindenfussball erzählt. Ich werde sie einladen sich vor Ort das Berufsbildungwerk anzuschauen. Vielleicht hat auch sie dann bald ein neues Namensschild.

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