10.06.2015

»Macht aus alledem was draus!«

Zum Rückzug von Gregor Gysi als Fraktionschef

Michael Leutert
(c) Die Linke

Gregor Gysi zieht sich aus der ersten Reihe unserer Partei zurück. Er wird im Herbst nicht erneut als Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag kandidieren. – Und jetzt? Muss uns um unsere Partei bange sein?

Gregors Rückzug ist ohne Frage eine Zäsur, hat er doch die PDS und DIE LINKE wie niemand anderes geprägt. Er war nicht die Partei, aber die Partei wäre ohne ihn eine andere, als sie es heute ist. Ja, wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns fragen, ob wir ohne Gregor überhaupt so weit gekommen wären: Die Wendezeit, der Wandel von der SED zur PDS, in einer Zeit der eigenen Verunsicherung und der äußeren Anfeindung, sogar des Versuchs, eine demokratisch-sozialistische Partei im vereinigten Deutschland zu verhindern. Und das ging so weiter. Die PDS blieb, obwohl sie im Osten Volkspartei war und als LINKE weiter ist, weitgehend ausgegrenzt in der westdeutsch dominierten Politik und den Medien. Später war Gregor entscheidend daran beteiligt, dass sich PDS und WASG zur gesamtdeutschen LINKEN entwickelt haben. Das war bei allen Schwierigkeiten ein wichtiger und notwendiger Schritt. Heute sind wir als LINKE eine politische Kraft, die aus der politischen Landschaft Deutschlands nicht wegzudenken ist. 25 Jahre sind seit den Anfängen vergangen, und Gregor ist – bis auf eine kurze Zeit – bis heute immer in führender Funktion. Doch das ist nicht alles. Er war und ist das Gesicht der PDS und der LINKEN, Integrationsfigur nach innen und nach außen derjenige, der gerade in den neunziger Jahren weit über unsere Partei hinaus Anerkennung fand. Für das Alles haben wir ihm jetzt vor allem eines zu sagen: Danke, Gregor! Danke ...bis hierhin.

Bis hierhin? Ja, denn Gregor bleibt nicht nur als Bundestagsabgeordneter aktiv. Seine Rede auf dem Parteitag in Bielefeld war weit mehr als ein Rückblick. Sie war ebenso ein leidenschaftliches Plädoyer für eine LINKE, die keine Angst hat, politische Verantwortung zu übernehmen; die vielmehr bereit ist, selbstbewusst die inhaltlichen Möglichkeiten auszuloten, die 2017 mit einer Regierungsbeteiligung im Bund verknüpft sein können; eine Partei, die soweit ist, sinnvolle Kompromisse nicht aus Sorge vor falschen Zugeständnissen auszuschließen. „Es wird Zeit, unseren Erfolg anzunehmen und den nächsten Schritt zu gehen, also alle Formen des politischen Agierens in den Ländern und im Bund als selbstverständlich wahrzunehmen, als Normalfall unserer politischen Arbeit zu begreifen.“ Gregor Gysi hat recht. Und auch die Realität gibt ihm Recht. In Thüringen, Brandenburg und auf kommunaler Ebene nicht nur in Dresden und Chemnitz arbeiten rotrote und rotrotgrüne Bündnisse aktuell erfolgreich. Dass es bis dahin auf Bundesebene mit SPD und Grünen ein schwieriger Weg wird, weiß er ebenso wie wir. Doch wir dürfen Sozialdemokraten und Grüne nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, sich zu bekennen: Ist mit ihnen eine substanziell andere Politik möglich oder nicht? Das sind wir nicht nur unseren Wähler_innen, sondern allen Bürger_innen in diesem Land schuldig. Denn um die geht es, nicht um uns.

Gregors Aufforderung war deutlich: „Macht aus alledem was draus!“ Das müssen und das werden nun andere tun in der ersten Reihe: kontrovers, solidarisch, nach vorne gerichtet. Bange muss uns nicht sein, wenn wir uns den Aufgaben stellen, die auf uns warten. Es ist gut zu wissen, dass Gregor uns dabei nicht in Ruhe lassen wird.

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