30.04.2018

MARX 200


Er ist von stattlicher Statur, noch immer der Zeit voraus, hat einen beeindruckenden Rauschebart und ein noch beeindruckenderes theoretisches Werk hinterlassen: Karl Marx.
Seit ziemlich genau 170 Jahren wabert er durch die Weltgeschichte. Mal wird ihm Ungeheuerliches angedichtet – Marx als Stichwortgeber von Werte- und Sittenverfall – mal wird er klein geredet und als Fußnote der Geschichte abgetan. Beides allerdings sind wichtige Fingerzeige: das politische Denken der letzten 150 Jahre kam und kommt an Karl Marx nicht vorbei.
Ob Karl Marx heute noch von Relevanz ist? Selbstverständlich ist dem so! Solange die von ihm erkannten und dargelegten Phänomene - der grundlegende Formzusammenhang des Kapitalismus - nicht aufgehoben sind, kann das nur eine rhetorische Frage sein. In Zeiten der immer schneller aufeinanderfolgenden Krisen, die nur mittels der inneren Schranke und Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems selbst zu verstehen sind, erfreut sich Marx sogar bei den Ökonomen und Feuilletonisten linksliberaler bis bürgerlicher Provenienz wieder steigenden Interesses. Wohlgemerkt betrachten diese jede neuerliche Krise letztlich aber doch wieder als ein vom Himmel gefallenes Unglück. Doch was sagt uns Marx heute? Zuallererst wohl, den kritischen Geist wach zu halten und nicht in überzeitlichen Dogmen zu versinken: „Die Wiederentdeckung von Marx kann nur seine Überwindung sein; aber nicht als Rückfall hinter seine Theorie, sondern als deren immanente Weiterentwicklung über die historisch bedingten und heute verfallenen Momente hinaus. ... Marx wäre der erste, der ein solches Programm unterstützen würde. Er wollte keine abgeschlossene Theorie hinterlassen, die nur noch auf die jeweiligen Verhältnisse anzuwenden wäre, sondern setzte Rezipienten voraus, die selbstständig weiterdenken.“ Das Zitat ist dem Reader „Marx lesen!“ von Robert Kurz entnommen, der zu den streitbarsten Vertretern der Marx-Interpretation der Wertkritik gehört.
So wichtig die theoretische Arbeit am esoterischen Marx auch ist, als Haushalts- und Finanzpolitiker habe ich es doch eher mit praktischen Fragen zu tun. Was bleibt also, wenn wir uns die Frage stellen: »Was tun?«
Solange dieses System besteht, müssen wir alles unternehmen, was der herrschenden Verwertungslogik die gröbsten Spitzen abbricht und internationale Solidarität konkret und erfahrbar leben. Das heißt, eine konsequente Politik der Umverteilung von Oben nach Unten zu betreiben, den Ländern und Kommunen die Mittel für umfassende Daseinsvorsorge und Selbstverwaltung bereitzustellen und auf nachhaltige Entwicklungspolitik im globalen Süden zu setzen. Das der Kapitalismus damit allein nicht überwunden wird, ist mir klar. Es braucht auch Visionen über das Bestehende hinaus. Denn in einer Welt voller Zwänge haben wir nur diese eine Freiheit: uns zu entscheiden, wie wir uns gegenüber dieser Welt verhalten. Und weiterzudenken, zu streiten und zu kämpfen, dass es eine bessere, eine menschenwürdige Welt sei. In diesem Sinne: Karl, altes Haus - alles Gute!

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