19.06.2018

Digitalisierung und der Wert

Für die Themenausgabe des Klaren Blicks zur Digitalisierung hat mein Mitarbeiter Konrad Heinze ein paar Gedanken zusammengetragen.

Digitalisierung und Industrie 4.0 - diese Begriffe sind in aller Munde, aber was bedeuten sie eigentlich? Ich finde den Vorschlag einer Reihe von LINKEN Abgeordneten sinnvoll: „Unter dem Label „Industrie 4.0.“ werden Trends der Informatisierung der Fertigungstechnik und der Logistik diskutiert, in denen es vor allem um neue Formen der Automatisierung von industrieller Produktion geht.“

Im Wesentlichen geht es also um die Rationalisierung der Wertschöpfung. So gesehen ist das ein altbekanntes Phänomen, die Geschichte des Kapitalismus ist eine Abfolge von Innovationsschüben. Neu sind jedoch die Dimensionen, welche die Digitalisierung als „dritte industrielle Revolution“ annimmt. Sie durchdringt bereits jetzt nahezu unser komplettes Leben, buchstäblich überall findet sich ein Mikrochip. Es ist unvermeidlich, dass diese Quantität auch in eine neue Qualität umschlagen muss.

Tatsächlich sehe ich Gefahren, wenn die Produktivkräfte mittels Automatisierung potenziell ins Unermessliche steigen, aber die Produktivverhältnisse sich nicht wandeln. Denn im Gegensatz zur „zweiten industriellen Revolution“, geprägt durch den Fordismus/Taylorismus, wird die Industrie 4.0 keine Auffangökonomien herausbilden. Das heißt, durch die Rationalisierung fallen Arbeitsplätze schneller weg als in den neuen Industriezweigen geschaffen werden. Dies ist nicht allein meine marxistisch fundierte Einschätzung. Eine jüngere Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung kommt, versteckt in einem kurzen Satz, zu einer ähnlichen Einschätzung: „Längerfristig wird Industrie 4.0 vermutlich stärker Arbeit ersetzen und im Gegenzug die Wettbewerbsfähigkeit stärken.“

Die kapitalistische Verwertung treibt sich selbst auf ihre irrationale Spitze, wenn sie menschliche Arbeitskraft als Quelle des Werts nicht mehr allein ausbeutet, sondern mehr und mehr ausschließt. Hier Reichtum an Waren, dort die Überflüssiggemachten dieser Erde - eine wenig erbauliche Perspektive in die Zukunft. Denn Industrie 4.0 ist kapitalintensiv und wird so auch in Deutschland die Konkurrenz befeuern. Für die Ökonomien in der Peripherie der G7 wird sie nochmals schwieriger umzusetzen sein. Der Abstand zwischen den entwickelten und nicht-entwickelten Volkswirtschaften droht so noch größer zu werden, als er schon ist.

Aber wo Risiken sind, gibt es auch Chancen. Ich bin nicht dafür, in Technikfeindlichkeit auszubrechen oder gar einen neuerlichen Maschinensturm zu befürworten. Gesteigerte Produktivität ermöglicht es ja, dass grundsätzlich alle Menschen ein Leben in Muße und Genuss führen können. Die Frage stellt sich also, wie gelingt es uns die bestehenden Produktivverhältnisse aufzusprengen und das Potenzial der Produktivkräfte emanzipatorisch zu nutzen? Ich halte es für realistisch zu sagen, ein erster und heute machbarer Schritt ist die Umsetzung einer altersfesten und sanktionsfreien Grundsicherung. So können wir im Kleinen anfangen, die Logik der Inwertsetzung menschlicher Arbeit auszuhebeln.

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