06.04.2010

"Ich will Guttenberg live sehen"

Die FAS zur Facebook-Gruppe für eine Live-Übertragung

Harald Staun

(...)

Es ist jetzt auch schon fast fünf Jahre her, dass der Sender Phoenix mit seiner Übertragung des Visa-Untersuchungsausschusses mit Joschka Fischer seine Quoten kurzfristig im wahrnehmbaren Bereich wiederfand. Rund sechs Millionen Menschen verfolgten am 25. April 2005 die Befragung des damaligen Außenministers. Zu gerne hätte der Sender diesen Erfolg nun wiederholt und freute sich insgeheim schon auf das Lob von Bundestagspräsident Norbert Lammert, der in der Vergangenheit immer wieder eine ausführlichere Berichterstattung aus der parlamentarischen Arbeit gefordert hatte. Und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schien endlich mal wieder ein ähnlich talentierter Politstar für eine solche Show zu sein. Nur der Kundus-Untersuchungsausschuss selbst hatte keine rechte Lust auf ein solches "Spektakel" und lehnte eine Live-Übertragung seiner Befragung ab. Allein die Popularität Guttenbergs sei kein ausreichender Grund, erklärte Ausschuss-Obmann Ernst-Reinhardt Beck (CDU), als er vergangene Woche von einem Phoenix-Reporter auf die Entscheidung angesprochen wurde; wer eine Übertragung "von Anfang an für sinnvoll gehalten hätte, hätte natürlich auch die Kameras bei Schneiderhan, bei Jung und bei anderen Zeugen, die wir öffentlich angehört haben, haben können und haben wollen". Jeder Politiker sollte sich diese sensationelle "Alles oder nichts"-Logik unbedingt merken, damit kann man jede ungewollte Berichterstattung schon mit dem Verweis auf die ihr zugrundeliegende redaktionelle Themenauswahl auskontern. Der Bundestagsabgeordnete Michael Leutert (Die Linke) reagierte nun auf die Ablehnung mit einer zeitgemäßen Initiative: Er gründete die Facebook-Gruppe "Ich will Guttenberg live sehen!". Auch er bringt die Logik der Absage auf den Punkt: "Gäbe es kein besonderes Interesse, bliebe demnach das Fernsehen zugelassen . . . nur dass ohne öffentliches Interesse gar kein Anlass für eine Übertragung bestünde."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.04.2010, Nr. 13 / Seite 29
und in der Online-Ausgabe der FAS gegen Gebühr

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