15.06.2010

Sachsen: schlechtere Chancen für Kinder aus sozial schwächeren Familien

Untersuchung an Grundschulen verdeutlicht soziale Auslese

Michael Leutert

Akademikerkinder haben bundesweit eine fast dreimal so große Chance, von ihren Grundschullehrern eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums zu bekommen, wie Kinder aus der Mittel- und Unterschicht. Das gilt auch dann, wenn sie über die gleiche Intelligenz und über das gleiche Lesevermögen verfügen. Dies wurde an der TU Dortmund im Rahmen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) festgestellt.
Nun ist diese Erkenntnis nicht neu. Dennoch sperren sich vor allem konservative und liberale Bildungspolitiker immer wieder dagegen - vermutlich weil sie wissen, welch schlechtes Licht dies auf das deutsche Bildungssystem und schwarz-gelbe Bildungspolitik wirft.

Aufschlussreich ist aber vor allem ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Gymnasialchancen ist vor allem im Saarland, in Sachsen, Hessen, Bayern und in Sachsen- Anhalt groß. In den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen fanden die Schulforscher hingegen keine bedeutsamen Unterschiede.
Sachsen hat bei der Chancengleichheit die zweitschlechtesten Werte aller Bundesländer. Während bundesweit die Gymnasialchancen von Akademikerkindern 2,72 Mal so groß sind wie die von Kindern aus der Mittel- und Unterschicht, sind sie in Sachsen sogar 4,12 Mal so groß. Anders gesagt: Auf vier Akademikerkinder kommt auf den Gymnasien weniger als ein Kind aus Mittel- und Unterschicht.

Angesichts eines dreigliedrigen Schulsystems, dass in solch hohem Maße eine sozialen Auslese bewirkt, bleibt auch die Ankündigung der schwarz-gelben Bundesregierung, in der Bildungspolitik nicht sparen zu wollen,unzureichend. Aber Bildung ist Ländersache. Also muss man die Ergebnisse der Untersuchung als dringliche Aufforderung an unsere schwarz-gelbe Landesregierung lesen, endlich in Sachsen mit der unsozialen und unsinnigen Auslese zehnjähriger Kinder aufzuhören. Längeres gemeinsames Lernen, die Einführung echter Gemeinschaftsschulen und Lernmittelfreiheit, wie sie DIE LINKE nicht nur seit langem fordert, sondern in der rot-roten Koalition im Land Berlin - wie der Untersuchung zu entnehmen ist durchaus erfolgreich - schon auf den weg gebracht hat, dienen nicht nur der sozialen Gerechtigkeit, indem sie die Chancen von Kindern aus sozial schwächeren und bildungsferneren Schichten im Schulsystem erhöhen. Nein, darüber hinaus sorgen sie dafür, dass insgesamt mehr Kinder bessere Schulabschlüsse bekommen. Angesichts eines bereits jetzt spürbaren Mangels an Fachkräften sind die linken Forderungen deshalb schlicht auch ein Gebot ökonomischer Vernunft.

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