09.11.2010

Vergessene Gräber

Nachhilfe in Geschichte für das Auswärtige Amt

Markus Deggerich, Spiegel

Das Auswärtige Amt hat wieder Ärger mit der Geschichte. Erst der Historiker-Bericht über Verstrickungen von Diplomaten während der Nazi-Zeit - und jetzt will man NS-Verfolgte nicht kennen, die im Ausland gestorben sind. Ein Linke-Abgeordneter zeigt, wie einfach die Recherche ist.

Der junge Abgeordnete der Linken, Michael Leutert, gehört zum eher unideologischen Teil seiner Fraktion. Als talentierter Haushaltspolitiker hat er sich schon mehrfach zum Unwillen der linken Fundis auch in Menschenrechtsfragen eingemischt, wenn er den Eindruck hatte, seine Genossen seien dabei auf dem linken Auge blind. Leutert regt sich gerne auf, wenn er den Eindruck hat, es gehe ungerecht zu.

Aber diesmal waren es nicht die eigenen Genossen, die ihn in Wallung brachten, sondern der Haushaltsentwurf der Bundesregierung. Nachdem eine Historikerkommission die Verstrickung des Amtes in den Holocaust dokumentiert hat, ist das Ministerium von Guido Westerwelle (FDP) nun wegen seines Umgangs mit Gräbern von NS-Opfern in Erklärungsnot.

Im aktuellen Haushaltsentwurf sind beim AA rund neun Millionen Euro vorgesehen für die "Kosten der Erhaltung deutscher Kriegsgräber im Ausland".

Das ist viel Geld.

Aber Leutert hat genau hingesehen und festgestellt, dass davon aber nur rund 15.000 Euro vorgesehen sind für "Gräber von Personen, die infolge nationalsozialistischer Verfolgung ausgewandert und im Ausland verstorben sind".

Das ist wenig Geld.

Leutert kam das seltsam vor und er fragte nach. Das AA begründete die geringe Summe damit, dass ihm nur vier Grabstätten von NS-Verfolgten im Exil, darunter das von Kurt Tucholsky in Schweden, bekannt seien.

Der Haushaltspolitiker der Linken hat daraufhin mit seinen Mitarbeitern auf eigene Faust bei deutschen Botschaften und NS-Opfervereinigungen recherchiert. Sie schickten Briefe und forschten in öffentlichen Quellen und fanden innerhalb kürzester Zeit mehrere Dutzend weiterer Grab- oder Gedenkstätten von NS-Verfolgten im Exil:

* darunter das des Anwalts von Carl von Ossietzky, Alfred Apfel, in Frankreich.
* oder des Bruders von Autor Carl Zuckmayer, Eduard Zuckmayer, in der Türkei.
* Auf der Liste des AA fehlten auch viele Prominente wie die Schriftsteller Thomas Mann und Erich Maria Remarque in der Schweiz.

Im Auswärtigen Amt war man peinlich berührt von den offensichtlich mühelosen Recherchen und ließ sich bereits vor Wochen die Leutert-Liste zuschicken. Passiert ist aber immer noch nichts. Man müsse "die neuen Erkenntnisse noch prüfen", heißt es aus dem AA.

Leutert hofft nun, dass diese Woche im Haushaltsausschuss des Bundestages doch noch eine angemessenen Summe für die Grabpflege von NS-Opfern im Exil umgeschichtet wird. "Alles andere wäre peinlich", sagt er.

Hier geht es zum Original-Artikel auf Spiegel-Online

Ausdrucken | Versenden