03.03.2011

Die neuen Nazis und die Rolle der Medien

aus einer Veranstaltung in Chemnitz mit Frank Brunner und André Löscher

Michael Leutert

Im Vorfeld des Nazi-Aufmarsches in Chemnitz am 5.3. habe ich eine Veranstaltung im "Weltecho" mit dem Titel "Stadt, Land, Nazi ..." moderiert. Auf dem Podium waren Frank Brunner, ein Journalist, der viel zu dem Thema recherchiert hat, und André Löscher, von der Opferberatung RAA Chemnitz. Es ging um Nazi-Strukturen, um die Opfer, um die Rolle der Politik und der Medien.
Gerade die Frage nach der Rolle der Medien, warum das Thema bis auf Höhepunkte - wie die Nazi-Demo in Dresden - so in den Hintergrund gerückt ist, warum vor allem so wenig über die Opfer berichtet wird, war spannend. Frank Brunner, der unter anderem für die Junge Welt, den Spiegel und Die Zeit zu dem Thema Hintergundberichte veröffentlicht hat, hat seinen eigenen Ansatz, wie man mit Nazis journalistisch umgehen sollte, zur Diskussion gestellt.
Im wesentlichen geht es um das Verhältniss von Nähe und Distanz. Brunner interessiert, wie Nazis denken, wie sie reden, wenn die Kameras aus sind, wie sie dazu kommen, eine solche Ideologie zu vertreten. Um über den üblichen Betroffenheitsjournalismus hinauszukommen, spricht er also - auch - mit ihnen. Er hört ihnen zu und zeigt dabei keine Scheu. Wie er selbst sagt, darf man "keine Berührungsängste haben, mit denen zu reden oder einen ganzen Tag auf einem NPD-Parteitreffen zu verbringen". Zudem verzichtet Brunner darauf, Nazis vordergründig in die Pfanne zu hauen. Er arbeitet nach eigener Aussage auch hier journalistisch sauber, spricht beispielsweise Zitate ab, so wie es üblich ist. Natürlich ist diese Vorgehensweise nicht unumstritten: Muss man Nazis in Zeitungen zu Wort kommen lassen?
Ich selbst habe oft festgestellt, dass Nazis sich am besten selbst entlarven. Zudem heißt, sie zu Wort kommen zu lassen, noch lange nicht, sich mit ihnen zu solidarisieren. Ein kritischer Artikel bleibt ein kritischer Artikel. Mir sind Inhalt und Aufklärung jedenfalls lieber als die immer gleichen Bekenntnisse, über die wir uns sowieso meist einig sind.
(In dem Film ein kurzer Ausschnitt aus den Ausführungen von Frank Brunner zur fehlenden Medienresonanz)

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